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Geschichte

Anfänge und erste Blüte

Die Wiener Mathematische Schule

Im europäischen Frühmittelalter kam es zum Stillstand der Naturwissenschaft, während im arabischen Raum große Fortschritte auf den Gebieten der Mathematik und Astronomie erzielt werden konnten. Erst die Gründung der neuen Universitäten (in Wien 1365) ermöglichte ein Nachziehen des Abendlandes.

Kaum ein anderes naturwissenschaftliches Fach ist schon seit jener Gründungszeit mit der Universität so eng verbunden wie die Astronomie. So etwa war einer der Rektoren des 14. Jahrhunderts – Heinrich von Langenstein (Rektor der Universität Wien im Wintersemester 1393/94) – nicht nur Theologe, sondern auch Astronom.

Eine erste Blüte erlebte die Astronomie in Österreich durch das Dreigestirn: Johannes von Gmunden, Georg Aunpeckh von Peuerbach und Johannes Müller von Königsberg, genannt Regiomontanus. Johannes von Gmunden (1385-1442), Domherr zu St. Stephan, beschäftigte sich mit Planetenbeobachtungen, Instrumentenentwicklung, sowie der Kalenderkunde. Sein Nachfolger Peuerbach (1423-1461) kam durch Reisen nach Italien in Kontakt mit Gelehrten der Renaissance, die insbesondere nach dem Fall von Konstantinopel (1453) mit antiken Texten und Kenntnissen nach Italien gekommen waren. Er führte so zum Beispiel die Verwendung der Winkelfunktionen im Abendland ein. Sein früher Tod verhinderte die Vollendung vieler seiner Vorhaben wie der Übersetzung des Almagest. Manches sollte sein hochbegabter Schüler Regiomontanus (1436-1476) zu Ende führen. Zu seinen Hauptarbeitsbereichen zählten Wetterkunde, Übersetzungen klassischer Werke, Kalenderkunde und alle anderen Disziplinen der mathematischen Astronomie. Eines seiner Werke, die 1474 erschienenen Ephemeriden, schrieb Weltgeschichte, als Columbus es auf seinen Entdeckungsfahrten zur Navigation verwendete.

 

      

Von links nach rechts:
Die Universität Wien wurde 1365 gegründet
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Mittelalterliche Ansicht Wiens mit dem Stephansdom
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Johannes Müller von Königsberg ("Regiomontanus", 1436-1476)
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Finsternistafeln von Regiomontanus (zeitgenössischer Nachdruck)
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Die Copernicanische Wende

Was Regiomontanus vorausahnte, aber nicht vollenden konnte, gelang Nicolaus Copernicus (1473-1543) und dem auch in Österreich tätigen Johannes Kepler (1571-1630). Sie zeigten die Gültigkeit des heliozentrischen Weltbildes durch Theorie und Beobachtungsdaten und schufen so die Basis für die weitere moderne astronomische Forschung. Ihre wichtigsten Werke sind De revolutionibus orbium coelestium bzw. Astronomia nova.

 

   

Von links nach rechts:
"De revolutionibus orbium coelestium" von Copernicus, Titelseite
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Schematische Darstellung des Sonnensystems nach Copernicus (aus "De revolutionibus orbium coelestium")
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"Astronomia nova" von Johannes Kepler, Titelseite
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Erste Sternwarten in Österreich

Marinonis Privatsternwarte

Obwohl Astronomie schon seit dem Mittelalter an der Wiener Universität gelehrt wurde, doch gab es selbst im Wien des frühen 18. Jahrhunderts noch kein eigenes Institut mit einer permanenten Sternwarte. Erst der aus Udine gebürtige kaiserliche Mathematiker Johann Jakob de Marinoni (1676-1755) errichtete 1730 auf seinem Privathaus an der Mölkerbastei die erste Sternwarte Wiens.

 

   

 

Von links nach rechts:
Wien zu Beginn des 18. Jahrhunderts
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Der begeisterte Beobachter Johann Jakob de Marinoni bei seiner recht unbequemen Arbeit
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Titelseite der ausführlichen Beschreibung von Marinonis Privatsternwarte.

Der Astronomische Turm der Jesuiten

Nur wenige Jahre danach erbaute der Jesuitenorden 1733 ebenfalls eine eigene Sternwarte an der Ecke Postgasse/Bäckerstraße in Form eines 45 m hohen Turmes. Der regen Sammlertätigkeit der Jesuiten verdankt die heutige Universitäts-Sternwarte einen Großteil ihrer wertvollsten Bücher.

 

Wiener Innenstadt, 18. Jahrhundert, mit dem Astronomischen Turm im Hintergrund.

Die erste Universitäts-Sternwarte

Im Jänner 1755, als der Bau der unter Maria Theresia errichteten Universität am heutigen Ignaz-Seipel-Platz (nun Akademie der Wissenschaften) fast vollendet war, starb Marinoni. Seine Instrumente fielen an das Herrscherhaus, und Maria Theresia schenkte sie der Universität. Damit war der Anlass zum Bau einer eigenen Sternwarte am Dach der Aula der Universität gegeben, deren Planung die Jesuiten übernahmen.

Aus den Fenstern des Turmes der Sternwarte wurden Positionsmessungen von Sternen mit Fernrohren und Sextanten durchgeführt. Dafür waren auch möglichst genau gehende Pendeluhren nötig.

   

Links: Das alte Universitätsgebäude beherbergt heute die Akademie der Wissenschaften.
Rechts: Innenansicht des Sternwarteturms der alten Universität.

Bedeutende Forschungsergebnisse

Bereits der erste Sternwartedirektor, der Jesuit Maximilian Hell (1721 - 1792), genoss hohes internationales Ansehen, so insbesondere durch die Herausgabe von astronomischen Jahrbüchern (Ephemerides Astronomicae 1757 - 1806), schon wesentlich früher als etwa die bedeutenden Sternwarten in Greenwich oder Berlin. Darin fanden sich unter anderem genaueste Positionen von Sonne, Mond, Planeten und den hellsten Sternen. Weiters arbeitete er auf dem Gebiet der geografischen Längenbestimmung.

Bedeutendstes Ereignis seiner Schaffenszeit war aber die Beobachtung eines seltenen Venusdurchganges vor der Sonne von der Eismeerinsel Wardoe aus. Er lieferte damit in Verbindung mit anderen Beobachtungen die für viele Jahrzehnte genaueste Sonnenentfernung.

Sein Nachfolger Franz de Paula Triesnecker (1745 - 1817) beschäftigte sich vor allem mit höherer Geodäsie. Die beiden ersten Sternwartedirektoren, Hell und Triesnecker, sind durch zentral gelegene, nach ihnen benannte Mondkrater verewigt.

Die Holzkonstruktion auf dem Dach der Universität stellte sich alsbald als zu leicht und instabil für den Sternwartebetrieb heraus. Insbesondere Erschütterungen durch Pferdefuhrwerke und Windlast schränkten die astronomische Messgenauigkeit über Gebühr ein. So tauchte schon im frühen 19. Jahrhundert erstmals der Wunsch nach einer Verlegung der Sternwarte an einen günstigeren Ort auf.

         

Von links nach rechts:
Maximilian Hell (1721 - 1792), in jesuitischer Lappentracht
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Titelseite des Expeditionsberichts zum Venustransit (M. Hell)
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Impression der Venustransit-Expedition.

Triesnecker-Krater (25 Kilometer Durchmesser) mit den über 200 Kilometer langen Triesnecker-Rillen
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Die heutige Sternwarte

Ein neuer Versuch

Eine neue Ära begann 1819, als Johann Josef von Littrow (1781 - 1840) Professor für höhere Mathematik und Astronomie an der Universität Wien wurde. Er bemühte sich intensiv - wenngleich ohne Erfolg - um eine Verlegung der Sternwarte an den Stadtrand. Nach seinem Tod übernahm sein Sohn Carl Ludwig von Littrow (1811 - 1877) die provisorische Leitung der Sternwarte. Gleich in seinem ersten Direktionsjahr konnte er mit einer astronomischen Sensation aufwarten: Die weite Kreise der Bevölkerung in ihren Bann ziehende totale Sonnenfinsternis vom 8. Juli 1842 war die perfekte Werbung für neue Investitionen in die Astronomie. 1872 gelang es einen Bauplatz für die neue Sternwarte (5,5 ha) auf einem Hügel der Türkenschanze zu erwerben.

   

Links: Totale Sonnenfinsternis am 8. Juli 1842.
Rechts: Bauplatz für das neue Sternwartegebäude 1872
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Die größte Sternwarte der Welt

Die Grundsteinlegung erfolgte am 19. Juli 1874; Architekten des großzügigen Neubaus waren Ferdinand Fellner und Hermann Helmer, beide Spezialisten im Theaterbau. Das Gebäude wurde als Kombination von Wohn- und Beobachtungstrakt in Kreuzform errichtet und weist selbst für heutige Verhältnisse ungewöhnlich große Ausmaße auf: 101 m Länge und 73 m Breite (der Stephansdom misst 108 x 70,5 m). Mit der Aufstellung des großen Refraktors (68 cm Öffnung bei 10,5 m Brennweite), des damals größten Linsenfernrohrs der Welt, und ihrer sonstigen Ausstattung war die neue Sternwarte auch international an vorderster Stelle. Edmund Weiss (1837 - 1917) der als Direktor nachfolgte, war es, der am 5. Juni 1883 in Gegenwart von Franz Joseph I. die Sternwarte feierlich ihrer Bestimmung übergeben konnte.

Die hervorragenden Instrumente erlaubten in den folgenden Jahren eine Vielzahl von bemerkenswerten Arbeiten auf den Gebieten der Doppelsterne, Kleinplaneten und Kometen. Sehr bald lag die Sternwarte aber wieder im nunmehr gas- bzw. später elektrisch beleuchteten Stadtgebiet, da die Umgebung von betuchten Wienern als Wohngegend entdeckt wurde. Pläne, schon Anfang des 20. Jahrhunderts eine noch größere Sternwarte am Schneeberg zu errichten, scheiterten am Untergang der Donaumonarchie. Eine lange Zeit der beschränkten Mittel begann. Obwohl durch die Kriege nicht beschädigt konnten oft nur die nötigsten Ressourcen zum Weiterbetrieb der Sternwarte beschafft werden: An eine Modernisierung war nicht zu denken.

         

Von links nach rechts:
Grundriss der neuen Sternwarte
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Ansicht der Sternwarte, Zeichnung von J.J. Kirchner, 1878
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Ansicht der Sternwarte, Ende 19. Jahrhundert
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Gründungsurkunde der neuen Sternwarte
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Zum Zeitpunkt der Errichtung (1883) war der 68-cm-Refraktor das größte Linsenfernrohr der Welt
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Modern Times

Erst der Wirtschaftsaufschwung der Nachkriegszeit ermöglichte neue Investitionen in die österreichische Astronomie. Schritt für Schritt wurde sowohl die personelle als auch die instrumentelle Situation verbessert. Sogar Radioastronomie wurde in den 60er-Jahren von den Dächern der Universitätssternwarte betrieben. Höhepunkt dieser zweiten Gründerzeit war die Errichtung der Außenstation am Mitterschöpfl, dem im Jahr 1969 eröffneten Leopold Figl-Observatorium für Astrophysik. Es stehen dort heute ein 1,52m- und ein 60cm-Spiegelteleskop.

   

Von links nach rechts:
Radioteleskop auf dem Dach der Sternwarte
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Leopold-Figl-Observatorium für Astrophysik
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Innenansicht des Leopold-Figl-Observatoriums
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Internationalisierung

Weiters folgte eine verstärkte Internationalisierung der astronomischen Forschung. Aufenthalte an ausländischen Observatorien und Instituten wie der Europäischen Südsternwarte  - der Österreich 2008 beitrat - gehören heute ebenso selbstverständlich zum Alltag wie die Nutzung und sogar Baubeteiligung an Weltraumfernrohren wie dem Infrarotteleskop Herschel .

   

Links: Very Large Telescope der Europäischen Südsternwarte.
Rechts: Das Infrarotteleskop Herschel.

Auch heute, 2013, ist die Universitätssternwarte auf der Türkenschanze bzw. das in ihr befindliche Institut für Astrophysik der Universität Wien ein Zentrum astronomisch-astrophysikalischer Forschung in Mitteleuropa. Dazu trug auch die Besetzung von drei Professuren in den vergangenen Jahren entscheidend bei. Dank zusätzlicher Erfolge bei der Drittmittelweinwerbung gibt es derzeit rund 70 Stellen am Institut für Astrophysik.

Die Schwerpunkte der gegenwärtigen Forschung reichen von Galaxien im frühen Universum über Sternentstehung und Endstadien der Sternentwicklung bis zu potentiell „bewohnbaren Welten“ (Planeten um andere Sonnen). Wichtig sind in zunehmendem Maße internationale Kooperationen sowie Forschung und Entwicklung im Rahmen der ESO und der ESA. Die Universitätssternwarte Wien ist auch ein Zentrum astronomischer Öffentlichkeitsarbeit: Mehr als 2000 Besucher kommen jährlich zu den allgemein zugänglichen Veranstaltungen des Instituts. „Daher“, so Institutsleiter Prof. Joao Alves, „ist die Universitätssternwarte Wiens Tor zu den Tiefen des Kosmos – seit 130 Jahren.“

Abb.: Vor 130 Jahren, 1883, wurde die Universitätssternwarte Wien-Währing feierlich eröffnet. Lange Forschungstradition und moderner Institutsbetrieb bilden hier eine Einheit.

 

Vorträge am Institut

Montag, 12. Juni 2017

Prof. Dr. Angeles Diaz Beltran (Madrid):

Sulphur as chemical abundance tracer in emission line galaxies
Montag, 8. Mai 2017

Claudia Paladini (Univ. Brüssel):

A tale of giants and how they start losing mass
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